Montag, 9. Juli 2012

Nachdenklich

Ich habe ein schönes, aber auch anstrengendes Wochenende hinter mir, dass mich oft sehr nachdenklich gemacht hat.

Meine Schwester hat mich besucht, was erstmal sehr schön ist. Anstrengend waren die vielen Unternehmungen, welche alle mit zuviel Alkohol und Zigaretten und zuwenig Schlaf verbunden waren, so dass ich nun heute, am Montag morgen, alles andere als fit und ausgeruht bin.

Was mich nachdenklich gemacht hat: Gespräche mit meiner Schwester, von der ich mal dachte, dass sie mich am meisten unterstützen würde und von der ich mir eigentlich den größten positiven Zuspruch erwartet hatte. Nun habe ich den Eindruck, dass sie wahnsinnig kritisch mit mir ist, viel kritischer, als sie mit anderen Menschen umgeht. Ich komm mir vor wie ein kleines Dummchen, dass sich ausschließlich in Veganerforen herumtreibt und sich mit dem Satz "In einer Studie steht, dass dieses und jenes so und so ist" ohne weiteres Nachdenken für Veganismus entschieden hat. Meine Schwester arbeitet in der Forschung, kennt sich also mit Studien und deren Interpretation bestens aus. Trotzdem hatte ich erhofft, dass sie mich so gut kennt, mir zuzutrauen, dass ich mich umfassend infiormiere, verschiedene Quellen bemühe und tatsächlich einiges auch kritisch hinterfrage. Was mich enttäuscht hat war vor allem, dass sie mich vor meinen Freunden in einer (nicht von mir begonnen Diskussion) zum Thema zurechtgewiesen hat, ich solle mich halt nicht nur in Veganerforen informieren, wo ich ihr einige Stunden vorher noch sagte (als sie mir von ihren negativen Erfahrungen mit vegan lebenden Freunden berichtet hat), dass ich ganz am Anfang mal in entsprechende Foren reingelesen habe, das aber schon lange nicht mehr tue, weil der Ton dort oft nicht mein Fall ist und ich es albern finde, dass da sehr oft über Vegetarier und deren angebliche Inkonsequenz hergezogen wird.

Mein Einwurf der China Study (Thema Milch - gesund ja/nein) wurde sofort abgetan mit der Argumentation (und Augen verdrehen a la "wie kann man nur so dumm sein") dass das nicht signifikant ist, wenn Chinesen mit Europäern verglichen werden, die ein komplett verschiedenes Leben haben, verschiedenen Umweltfaktoren ausgesetzt sind usw. - mal davon abgesehen, dass meine Schwester diese Studie nicht kannte wollte ich auch nur drauf hinaus, dass wohl offensichtlich nicht behauptet werden kann, Milch wäre gesund und schütze wegen des Calciums vor Osteoporose - da hat sie mir dann sogar zugestimmt.

Und zum wiederholten Mal wurde ich darüber aufgeklärt, dass ich nun akzeptieren muss, dass sich evtl. Freunde von mir abwenden, mich nicht mehr zum Essen einladen, ich quasi als "sozialer Problemfall" eingestuft werde und so weiter. Ich kann hundertmal sagen, dass es bisher kaum Probleme gibt und ich sehr gut klarkomme - "na warte mal ab" ist dann die Antwort. Und auch das Wochenende konnte anscheinend nicht entgegenwirken, dabei war es wieder ein guter Beweis, dass es eben doch gut geht: Freitag Treffen mit Freunden beim Griechen - der ist schon für Vegetarier eine Herausforderung. Ich habe den warmen Gemüseteller bestellt, Schafskäse dazu abbestellt und dafür um mehr Kartoffeln gebeten - wurde erfüllt, schmeckte - alles gut. Samstag abend Geburtstagsfeier bei einer Freundin - es gab einen Topf Chillie und einen Topf Ratatouille, dass für die Vegetarier noch mit Feta bestreuselt war, für mich ohne. Lecker - und problemlos.

Ich habe mehrmals versucht zu erklären, dass ich über das Thema nicht reden muss, dass ich es gerne tue, wenn es jemanden interessiert, aber eben sonst nicht unbedingt - man will ja nicht missionarisch wirken, gell. Diese Aussage wurde dann als unwahr qualifiziert, weil ich kürzlich einen Zeit- Artikel über einen Schlachthof- Mitarbeiter bei Facebook gepostet habe. Das würde doch zeigen, dass ich sehr wohl drüber reden will. Hm, eigentlich wollte ich nur einen Artikel posten, der mich interessiert, weil er vielleicht auch noch andere interessiert (ich dachte bisher, das wäre auch unter Anderem der Sinn eines sozialen Netzwerks).

Nun ja, was soll ich sagen. Ich bin halt einfach etwas enttäuscht, ich fühl mich irgendwie runtergeputzt. Keiner meiner Freunde reagiert so. Manche finden es ganz gut, stellen Fragen und interessieren sich, manche interessiert es gar nicht, manche witzeln, auch dumme Kommentare kamen ja schon, aber das sind alles Dinge, mit denen ich gerechnet habe. Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Person, die mir neben meinem Freund eigentlich am nächsten steht, so abwertend (und teilweise auch persönlich abwertend) reagiert. Das macht mich nachdenklich und ich finde es wahnsinnig schade.

Ich zweifel null an meiner Entscheidung, wie ich leben möchte, aber ich vermisse es, dass mich jemand wirklich Nahestehendes einfach nur unterstützt bzw. einfach nur sagt, dass er/sie dass toll findet. Ein "weiter so, das ist super" würde mir total viel bedeuten. Schade, dass es von niemandem kommt.

Wie ist das bei euch? Kennt ihr Veganer, habt ihr welche im Freundeskreis? Oder Nicht- Veganer, die eure Lebensweise einfach gut finden und das auch sagen können?

Kommentare:

  1. Ich habe keine Vegetarier und/oder Veganer in meinem Umfeld. Mir blieb bisher nur das Internet zum Austausch. Seit einiger Zeit gehe ich aber zu den Treffen vom VEBU und habe endlich mal Menschen "in Fleisch und Blut" mit denen ich mich austauschen kann. :)
    Die meisten Menschen die mitbekommen, dass ich vegan lebe, finden es gut (sei sagen es jedenfalls) aber dann kommen die typischen Phrasen wie: Ich könnte das ja nicht, ich brauche Fleisch, Eier, Milch etc. Richtig angefeindet wurde ich deswegen eigentlich noch nie.

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  2. Hm, direkt angefeindet werde ich auch nicht. Eher ist es das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden von Personen, die einem besonders wichtig sind und bei denen man dachte, die wissen, wie man ist, dass man nicht dumm ist und so.
    Wusste gar nicht, dass es vom VEBU Treffen gibt, in jeder Stadt? Findet man dazu Infos auf deren Homepage?

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  3. Ich glaube die Phase durchläuft jeder Neuveganer, leider. Ich finde es schon absolut unnötig, dass die Information "ich bin jetzt vegan" immer bewertet werden muss, aber das ist ein anderes Thema. Aber: Es wird besser, zumindest im unmittelbaren Umfeld, denn irgendwann hat auch der härteste deiner Kritiker keine Lust mehr die immergleichen Phrasen zu dreschen und zumindest im Freundeskreis kann man ganz in Ruhe (bis vielleicht mal auf ein "DAS isst du auch nicht?!?) weiterleben.
    Man muss damit leben, dass sich die Wahrnehmung seiner Umstehenden ein wenig ändert. ZB wurde mir schon vorgeworfen, dass ich "dauernd" via FB "Veganerdinge" verbreite. Auf die freundliche Nachfrage was genau gemeint war, musste mein Gegenüber das dann revidieren, denn ich teile zwar viel, Dinge zum Großraumthema "vegan" aber tatsächlich so gut wie nie. Es mag nicht fair sein, aber als Veganer steht man eben grundsätzlich unter Generalverdacht und ein für einen selbst relativ bedenkenlos geteilter Artikel wirkt auf andere eben immer gleich moralisierend. Der härteste Kritiker in meinem Freundeskreis ist übrigens mittlerweile selbst Veganer geworden, das hätte ich nicht vermutet.

    Und was den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit angeht: Ich komme selbst aus einer Familie deren Mitglieder sich in der Forschung betätigen: Meine Erfahrung ist die, dass man mit der Vermutung "unwissenschaftlich" immer recht schnell daher kommt, wenn eine Studie nicht zu dem von einem selbst vertretenen Ergebnis kommt. Ich habe zwar auch so meine Zweifel an der Allmacht der China-Study, man sollte sie aber schon zumindest mal gelesen haben, um sie konkret bewerten zu können.
    Was die VEBU-Treffen angeht: Nicht in jeder Stadt gibt es eine Vebu-Basisgruppe, aber häufig gibt es vegane Stammtische, ... Selbst wenn man Vegan-Foren meidet, lohnt es sich doch auch dort mal im Kontaktbereich nachzusehen, ob es vielleicht bereits eine Gruppe gibt, die sich regelmäßig trifft.

    Liebe Grüße

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  4. Danke Cara,
    genau in dem Ton kam das mit den FB-Meldungen eben auch bei mir an. Und das fand ich schon echt dreist, mir das vorzuwerfen, wen´s stört, der soll halt meine Meldungen blocken und fertig. Ist interessant, dass du sagst, dein härtester Kritiker wär jetzt selbst Veganer. Meine härteste Kritikerin ist ja irgendwie meine Schwester, die selber Vegetarierin ist und durchaus auch das, was manche abwertend gerne als "öko" bezeichnen. Wahrscheinlich bin ich deshalb auch so irritiert über ihre Kritik an mir.

    Die China Study hab ich selbst auch noch nicht gelesen, ich hab sie nur als Begründung heranziehen wollen, dass es auch wissenschaftliche Studien gibt, die feststellen, dass Milch eben nicht unbedingt gesund ist. Um den Vorwurf, ich hätte diese Infos ja nur aus Veganerforen, zu entkräften. Ich werde mich bald mal damit befassen, es soll ja auch ein Buch geben, dass die ganze Studie sehr kritisch bewertet und zu anderen Schlüssen kommt, ist sicherlich auch interessant.

    Und zwecks den Gruppen recherchiere ich jetzt. Ich glaube, langfristig brauche ich ab und zu einfach mal "persönlichen Zuspruch" und Austausch. Ohne Internet und den Zuspruch hier würde ich wahrscheinlich inzwischen selber an meiner Intelligenz zweifeln.

    LG Lisza

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    1. Das ist eigentlich eine relativ lustige Geschichte gewesen: Ich treffe mich jedes Jahr Weihnachten mit den gleichen Leuten, Freunden die es überall hin verstreut hat, am 23. in der gleichen Kneipe, seit Jahren. Da war 2010 auch der Freund dabei und seine Ex. Sie war interessiert an meinem Vegan-Sein und hat mich ausgequetscht, er hat nur so Quatsch erzählt von wegen "ich kauf mir mal ein Rudel Maine Coon Katzen und dressiere die dazu, dass sie in der Gruppe Rinder reißen" oder "ich würde auch gerne mal ein Huhn schlachten". Vier Monate später war er vegan, das ging recht schleichend und bei ihm hauptsächlich über die gesundheitliche Schiene, er hat lange einmal wöchentlich Fleisch und Käse gegessen und es dann irgendwann mal sein lassen, das Thema "Tier" kam auch erst spät dazu. Seine Ex bemerkte das dann letztes Weihnachten und meinte zu mir "das hättest du auch nicht gedacht, dass gerade ER vegan wird". Mittlerweile ist sie auch übergewechselt btw, das ist aber seiner "Missionsarbeit" zu verdanken (und meinen alljährlichen Plätzchen ;) ).
      Vielleicht ist die Kritik deiner Schwester an dir aber auch viel mehr als das, nämlich ihre Bewältigungsstrategie mit der Tatsache umzugehen, dass sie eigentlich weiß, dass Vegetarier zu sein nicht ausreicht, wenn man eigentlich für das Tier ist :)

      Ich finds einfach generell schwierig wissenschaftliche Studien zu bewerten, mit denen man sich nicht befasst hat. Sicher gibts Quellen, bei denen man schon aus Prinzip eine Augenbraue hochzieht (das hat wohl jede Fachrichtung...), aber ich halte es für schwierig anderen, die in der Forschung arbeiten ihre Ergebnisse abzusprechen, obwohl man sich nicht damit befasst hat.

      Wenn die Info in deinem Profil stimmt, sollte sich bei dir in der Umgebung ja wirklich was finden ;)
      Ich bin auch immer froh, wenn ich mit Menschen mal gelöst über das Thema sprechen kann, ohne diese Über-Ich-Blase über meinem Kopf, insofern sind Veganer-Treffen wirklich was richtig angenehmes und wenn man im Notfall jemanden hat, den man anrufen kann, wenn mal wieder jemand besonders clevere Sprüche gerissen hat und man sich einfach mal ausgiebig beschweren will, schadet das auch nicht. Ich wünsche dir viel Erfolg beim suchen :)

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  5. Hallo! Schau mal hier, http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-und-ernaehrung-warum-fleischesser-vegetarier-anfeinden-1.1274443 da wird sinnvoll erklärt, warum sich Fleischesser angegriffen fühlen. Danke für deinen tollen Blog. Fotos kann man super erkennen.
    lg angela

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  6. danke angela, freut mich sehr, dass dir mein blog gefällt :) ich les gleich mal den artikel. meine schwester ist übrigens vegetarierin...gerade deshalb hätt ich mir mehr erwartet.

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